Croeso i Gymru! Dieser Bericht über die Radreise von Thomas und mir durch Wales dokumentiert, was man aus einer Bierlaune heraus alles erleben kann... Die Geschichte beginnt nämlich an einem Januarabend im Brauhaus "Sion am Walfischmarkt" in Köln. Thomas erzählt mir im Laufe des Abends, dass er in diesem Jahr nach Wales reisen möchte, ohne sicher jemals auf die Idee gekommen zu sein, dies mit dem Fahrrad zu tun (Thomas hält mich als Radfahrer spätestens seit meiner Radtour durch Malaysia für vollkommen wahnsinnig). Für mich hingegen ist klar, dass ich meinen nächsten Urlaub wieder auf dem Fahrrad verbringen werde, jedoch sicher nicht einem Land, in dem es mehr Regen als Sonne gibt und in dem Fish & Chips die kulinarische Offenbarung schlechthin ist. Wie dem auch sei, im Laufe des Abends kommen wir nach einigen Bierchen auf die Schnapsidee, doch beide Vorhaben zu vereinen und eine Radtour durch Wales zu unternehmen. Obwohl uns beiden bei dem ersten Gedanken an unser Vorhaben nicht ganz wohl ist, schwingen wir uns doch im Juli 1997 auf die Räder und radeln über 1000 km durch Wales. In zweieinhalb Wochen erleben wir eine skurrile und unglaublich amüsante Radtour durch ein eindrucksvolles Land. Wir beschränken uns auf den Norden des Landes und mieten uns jeweils für einige Tage fest ein, um Tagesausflüge ohne Gepäck zu unternehmen. Dazu passend haben wir den hervorragenden Radtourenführer "Cylcle tours: North Wales and the Marches" gefunden, der 24 Tagestouren sehr gut und detailliert mit Entfernungs- und Höhenangaben beschreibt (s. praktische Tipps). Deshalb habe ich nur zu unseren Ausflügen, die nicht in dem Radtourenführer beschrieben sind, einige Anmerkungen über die Route in den Bericht aufgenommen. Die anderen Tagestouren liest man viel besser im Buch nach. Übrigens, ich ziehe in dem Bericht ziemlich über die walisisch-britische Küche her. Das ist nicht böse gemeint, aber ich finde, sie hat es nicht besser verdient. Roadbook Tag Strecke Km 1 Manchester - Flint 95 2 Flint - Denbigh 58 3 Denbigh: Ausflug in den Nordwesten Denbighs (Tour 3 des Radtourenführers) 58 4 Denbigh: Ausflug in den Südwesten Denbighs (Tour 4 des Radtourenführers) 59 5 Denbigh - Conwy 64 6 Conwy : Ausflug ins Conwy Valley (Tour 2 des Radtourenführers) 72 7 Conwy - Caernarfon 48 8 Caernarfon: Ausflug nach Llanberis (Mount Snowdon) 27 9 Caernarfon: Ausflug nach Anglesey (Tour 1 des Radwanderführers) 89 10 Caernarfon: Ausflug rund um den Mount Snowdon 58 11 Caernarfon - Barmouth 66 12 Barmouth: Ausflug nach Llyngwril 72 13 Barmouth - Bala 48 14 Bala: Ausflug zum Llyn Efyrnwy (Tour 5 des Radtourenführers) 59 15 Bala - Llangollen 43 16 Llangollen - Chester 45 17 Chester - Manchester 67 Gesamt (Km) 1028 Schau doch mal rein... * Das Wales Tourist Board informiert im Internet unter der Adresse: http://www.tourism.wales.gov.uk * Alles über die Castles in Wales findest Du unter: http://www.castlewales.com * Auf meiner WebSite www.BikeSite.de findest Du alle Fotos dieses Berichts in besserer Auflösung. Außerdem habe ich dort weitere Berichte meiner Radtouren und vieles mehr veröffentlicht. 1. Die Dame im Nachthemd Problemlos haben wir unsere Fahrräder am Flughafen Manchester in Empfang genommen und am späten Vormittag die Radtour begonnen. Der Auftakt ist leider nicht so schön: Die Strecke Richtung Wales ist landschaftlich öde und stark befahren. Einzig Chester mit seinen restaurierten alten Häusern scheint uns so nett zu sein, dass wir beschließen, auf der Rückfahrt dort zu übernachten. Uns zieht es aber zunächst möglichst schnell nach Wales. "Welcome to Wales - Croeso i Gymru" steht auf dem Schild, das wir Dank unserer flotten Fahrt nach wenigen Stunden erreichen. Abgesehen von einem Hügel kurz vor Chester ist das Streckenprofil nur leicht wellig und einfach zu radeln. Doch bleibt die Straße auch im weiteren Verlauf entlang der Küste ziemlich langweilig und verkehrsreich. Interessanter wird's erst bei der Suche nach einem Zimmer. Nachdem wir bereits einige Zeit nach einer Unterkunft Ausschau gehalten haben, werden wir in einer kleinen Ortschaft fündig und sehen ein Bed & Breakfast (B&B). Die Türe des Hauses ist offen und der Schlüssel steckt von außen auf der Tür, aber niemand scheint im Haus zu sein. Nach einiger Zeit torkelt eine Nachbarin heran, die uns alles Mögliche erzählt, unter anderem auch, dass der Hausbesitzer ein paar Häuser die Straße hinunter zu finden sei. Wir gehen also zu dem besagten Haus und klingeln. Ein völlig konsternierte junge Frau im Nachthemd öffnet uns die Türe und versichert uns, dass sie auch nicht weiß, wo der Besitzer des B&B ist. Etwas verdutzt, aber ziemlich amüsiert radeln wir weiter. Erst etliche Kilometer weiter werden wir auf einem Bauernhof kurz vor Einbruch der Dunkelheit doch noch fündig und sind froh, ein Zimmer bei freundlichen Gastgebern gefunden zu haben. Auch das Abendessen gestaltet sich anders als erwartet. Inzwischen, nach 21 Uhr gibt es in dem einzigen Pub im Dorf nichts mehr zu essen. So bleibt uns die erste Erfahrung mit der britischen Nationalspeise Fish & Chips aus einer Imbissbude nicht erspart: Die vor Fett triefende Angelegenheit bringt die Galle auf Trab und kann auch mit einigen lauwarmen Bieren nur schlecht verdaut werden. Ich beschließe, Fish & Chips nur noch im Notfall zu essen... Auch am zweiten Fahrttag wird die Strecke landschaftlich leider nicht interessanter und der Verkehr nicht weniger. Trotzdem ist unsere Stimmung gut. Wir blödeln herum, Thomas gibt minutenlang Dialoge aus dem Loriot-Film "Papa ante portas" wieder und oft genug können wir uns vor Lachen kaum auf den Rädern halten. Mein gestriger Vorsatz bezüglich der britischen Nationalspeise hält nicht lange, denn das Mittagessen nehmen wir notgedrungen wieder in einer originalen Pommesbude ein. Die Atmosphäre ist an Skurrilität kaum zu überbieten: Es stinkt nach Fett und urkomische Gestalten lassen sich von den kleinwüchsigen Damen hinterm Tresen Unmengen fettiger Chips in Zeitungspapier einwickeln. Malzessig und Salz scheinen den Geschmack der Pommes abzurunden. Fisch und Fleisch brutzeln in der selben Fritüre vor sich hin. Unsere Mahlzeit ist so fettig, dass sie trotz Unterlage einen riesigen Fettfleck auf der kleinen Mauer hinterlässt, die wir als Tisch benutzen. Nach diesem Mittagessen schließe ich endgültig mit der britischen Küche ab. Mir wird klar, dass es hier kulinarisch ums nackte Überleben gehen wird. Bevor wir Denbigh, unsere Station für die ersten Tagesausflüge, erreichen, besichtigen wir noch Holywell, eine als "Lourdes von Wales" bekannte heilige Quelle, und die spärlichen Überreste einer Abtei, die wir auf unserem Weg passieren. 2. The muscles of the fittest Von Denbigh aus starten wir die ersten Tagesausflüge, die in dem Radtourenführer beschrieben sind (Touren 3 und 4). Endlich radeln wir durch eine herrliche Landschaft. Die erste Tour in den Norden Denbighs verläuft auf kleinen Nebenstraßen ohne viel Verkehr durch eine sanft hügelige Landschaft. Wir passieren sattgrüne Weiden und sehen überall Schafe, die wie helle Punkte über die Landschaft verstreut sind. An allen Ecken und Enden hört man die Viehcher blöken. Einmal knurrt uns ein aufgeschrecktes Schaf kräftig an. Der zweite Ausflug von Denbigh aus (Tour 4) ist abwechslungsreicher als die erste Tour, aber auch anstrengender. Zunächst geht's durch Agrarland mit wunderschönen alten Baumbeständen. Flurbereinigung ist hier ein Fremdwort und so wirkt die Landschaft viel natürlicher und optisch reizvoller als bei uns. Eine ordentliche Steigung (Originalton des Radtourenführers: "...will tax the muscles of the fittest...") von rund 7 km führt uns zu einem Hochmoorgebiet und im weiteren Verlauf zum Llyn Brenig- See. Auch auf dieser Route werden wir nur sporadisch von Autos gestört und genießen ansonsten in Ruhe die herrliche Landschaft ohne Abgase. Denbigh selbst ist ein etwas verschlafenes Kaff. Von seinen 8000 Einwohnern lebt ein Großteil in der größten psychiatrischen Klinik von Nordwales, was aber nichts heißen soll... Die Waliser sind genauso exzentrisch wie liebenswert und freundlich. "Normale" Typen scheint es hier kaum zu geben. Jeder Waliser ist irgendwie ein "Original". Sie sind Fremden gegenüber aufgeschlossen und immer für ein Schwätzchen zu haben. Unser Hotel in Denbigh hat einen morbiden Charme. Das Fenster unseres Zimmers ist nur zu öffnen, wenn man es mit einem Holzstab feststellt. Das Einschalten des Lüfters in der Dusche führt zu einem Stromausfall im gesamten Hoteltrakt. Dafür ist das Frühstück - wie überall in Wales - mehr als üppig und sorgt für die nötige Energie beim Radeln. Nach den "Cereals" (Corn Flakes, Müsli oder ähnliches) wird ein großer Teller mit Rührei, Würstchen, gegrillten Tomaten und anderem, was einem Frühstücksmuffel den Magen zusammenziehen lässt, aufgefahren. Toast mit Butter und Konfitüre schließen die erste Mahlzeit des Tages ab. 3. So amazing! Nach den beiden ersten Tagestouren in Wales verlagern wird unseren Standort nach Conwy. Die Strecke dahin ist hügelig mit langen, aber gut zu fahrenden Steigungen. Der Autoverkehr wird erst ab Llanrwst unangenehm. Conwy besticht durch sein imposantes Castle, das uns bereits bei der Einfahrt in die Stadt empfängt. Der Ort ist von einer vollständig erhaltenen Stadtmauer eingegrenzt und macht einen sehr sympathischen Eindruck. Dazu gibt's einen netten Hafen und das kleinste Haus Großbritanniens, das Thomas mit seiner Größe von fast zwei Metern begeistert besucht. Conwy ist aber auch fest in der Hand von Möwen, die permanent über der Stadt kreisen und einen Höllenlärm verursachen. Elaine, unsere B&B-Wirtin, ist zwar nett, aber auch ein wenig verrückt. Sie findet es "So amazing!", dass wir mit soviel Gepäck auf dem Rad unterwegs sind, während wir es gerade schweißgebadet die schmale Stiege in unser Zimmer hinauf schleppen. Überhaupt sei alles "So amazing!". Dafür lernen wir im Pub "John & Dragon" Emrys und seine Frau aus Liverpool kennen. Er sieht mit seinem weißen Bart und seiner gegerbten Haut wie ein alter Seefahrer aus. Etwas wortkarg pafft er seine Pfeife und überlässt lieber seiner Frau das Reden. Erst nach etlichen Minuten Unterhaltung mit seiner Frau spricht auch er die ersten Worte mit uns: "Brave boys" meint er staubtrocken und nimmt anschließend schweigend den nächsten Zug aus seiner Pfeife. Wir verbringen eine schöne Zeit mit den beiden im Pub. Unsere Zustimmung zu Emrys Meinung, dass in Liverpool alles viel besser sei, weil das Bier kälter und der Fisch frischer ist, wird mit einigen Pints Bier begossen. Nach dem feuchtfröhlichen Abend, von dem Thomas noch heute behauptet, ich sei singend nach Hause getorkelt, müssen die "brave boys" den anstrengendsten Tagesausflug meistern: Die Tour 2 aus dem Radtourenführer führt uns "In and out of the Conwy Valley" und zwingt insgesamt 1200 Höhenmeter von unseren Beinen ab. Dafür durchradeln wir abermals eine eindrucksvolle und abwechslungsreiche Landschaft. Auch diese Route führt uns auf gut zu fahrenden Wegen und Straßen mit wenig Verkehr. 4. Alptraum in Rosa Die Fahrt weiter nach Caernarfon ist recht öde. Unterwegs kann man sich im Penrhyn Castle die Auswüchse menschlichen Größenwahns ansehen. Das Castle protzt mit Punk und Pomp und passt so gar nicht zu Wales. Besser gefällt uns Caernarfon Castle, von dem zwar nur noch die Außenhülle erhalten ist, die aber immerhin imposante Kulisse der Krönung der Prinzen von Wales war, also auch von Prinz Charles. Von den Türmen des Castles aus kann man bei guter Sicht die Insel Anglesey auf der einen und die Gipfel der Snowdonia-Berge auf der anderen Seite sehen. Unbedingt sehenswert ist in der kleinen Ausstellung des Castles das offizielle Krönungsfoto von Prinz Charles, auf dem seine Ohren besonders gut zur Geltung kommen. Das Foto ist der beste Beweis, warum die britische Monarchie herunter kommen musste... (Un-)heimliches Highlight in Caernarfon ist aber unser Zimmer. Bei der Besichtigung des Zimmers erlebe ich Thomas das erste Mal sprachlos. Fassungslos starren wir auf einen Alptraum in Rosa. In dem Zimmer ist von den Vorhängen über die Bettwäsche, den Engelsfiguren an den Wänden bis hin zur Seife und den Handtüchern wirklich alles rosafarben. Geblendet von der Farbe scheint unser Verstand auszusetzen, denn wir mieten uns für drei Nächte ein. Da das B&B keine Garage hat, finden unsere Fahrräder übrigens kurzerhand im exklusiven Salon zwischen englischen Stilmöbeln und Flinten an den Wänden Platz. 5. Der Berg ruft Der Berg, der uns am nächsten Tag ruft, heißt Snowdon und ist mit 1085 m der höchste Berg Wales. Bis Llanberis radeln wir nur leicht bergauf, dann steigen wir auf die Eisenbahn um und tuckern eine dreiviertel Stunde zum Gipfel des Berges hinauf. Sofern man mal ein Wolkenloch erwischt, hat man eine tolle Aussicht auf die Umgebung. Der Abstieg zu Fuß auf dem Llanberis-Pfad ist einfach und in rund zwei Stunden geschafft. Nach so vielen Höhenmeter (wenn auch nicht mit dem Fahrrad) radeln wir am folgenden Tag auf die nahezu flache Insel Anglesey (Tour 1 aus dem Radtourenführer). Die Insel besticht landschaftlich durch ihren kargen Charme und einige schöne Dünen südlich von Aberffraw. Ansonsten kann man auf Anglesey den Ort mit dem längsten Namen Großbritanniens besuchen und das obligatorische Foto vor der Bahnstation dieses Orts machen. Leider ist das Wetter an diesem Tag ziemlich regnerisch, was die schöne Aussicht von der Insel auf das Snowdonia-Gebirge verhindert. Nichtsdestotrotz oder gerade deswegen gibt Thomas während der Fahrt mal wieder sein eigenwilliges Liedgut zum Besten, was mich mehrfach an den Rand eines Lachkrampfes bringt. Auf Anglesey lerne ich übrigens den vorläufigen Tiefpunkt der britischen Küche kennen: "Chips Baps" sind mit Chips vollgestopfte Brötchen. Und weil die Chips nicht fett genug sind, werden die Brötchen noch dick mit Margarine beschmiert. Na dann guten Appetit... Da wir nicht mit dem Rad auf den Mount Snowdon hinaufgefahren sind, umrunden wir ihn wenigstens am dritten Tag unseres Aufenthalts in Caernarfon. Eine schöne Tour führt uns von Caernarfon aus über Nant Peris und Beddgelert zurück nach Caernarfon. Die Landschaft hat hier alpinen Charakter, ist rau, ursprünglich und einfach faszinierend. Allerdings ist auf der Route auch der ein oder andere Berg zu meistern (längere Anstiege nach Nant Peris und Beddgelert). Die Tour ist zwar nicht im Radtourenführer beschrieben, aber trotzdem unbedingt empfehlenswert. 6. How exciting for you! Nach drei Tagen in Caernarfon verlassen wir unser rosafarbenes Domizil Richtung Barmouth. Die rund 65 km radeln wir Dank des Rückenwindes flott ab. Unterwegs haben wir immer wieder schöne Ausblicke auf das Snowdonia-Gebirge. Barmouth ist ein reizloses Touristen-Kaff. Nur der Hafen und die hölzerne Eisenbahnbrücke über die Mündung des Mawddach verleihen dem Ort etwas Charme. Die Eisenbahnbrücke kann man übrigens auch zu Fuß überqueren sowie mit dem Fahrrad befahren, was sich wegen der schönen Aussicht auf die Bucht auf jedem Fall lohnt. Am nächsten Tag unternehmen wir einen nicht im Radtourenführer beschriebenen Ausflug von Barmouth über Dolgellau und Abergynolwyn nach Llyngwil und zurück nach Barmouth. Die Route ist ein landschaftliches Highlight. Die Strecke bis Dolgellau ist relativ flach bzw. steigt nur leicht bergan. Ab Dolgellau geht's permanent, aber gut fahrbar einen Pass hinauf. Von dem 262 m hohen Pass hat man eine herrliche Aussicht in die vor einem liegende Senke. Nach kurzer rasanter Abfahrt radelt man gemütlich durch das relativ enge Tal von faszinierender Schönheit. Immer wieder hat man grandiose Aussichten auf die umliegenden Berge, vor allem auf den Cadair Idris mit seinen Nebengipfeln. Die Tagestour endet mit einem leichten Anstieg auf die 116 m hoch gelegene Küstenstraße, die während ihres Abstiegs zum Meer herrliche Blicke auf die Bucht von Barmouth erlaubt. Wir übernachten in einem B&B, das von einer kultivierten älteren Dame geführt wird. Als wir ihr erzählen, dass wir am Abend zuvor im Ort waren, kommentiert sie mit leicht ironischem Unterton: "How exciting for you". Sowieso sind die Bewohner des Hauses von der skurrilen Art. Der Hausherr kommt uns bereits bei der Besichtigung des Zimmers wie ein Butler vor. Als uns die Dame des Hauses am nächsten Tag erzählt, dass sie seit 25 Jahren versucht, ihren Mann zu einem Butler zu erziehen, können wir uns kaum ernst halten. Morgens beim Frühstück nimmt unsere reichlich korpulente und etwas fußschwache Gastgeberin auf einem klapprigen Tischchen unmittelbar hinter meinem Rücken Platz. Während sie auf dem Tischchen hin und her wankt, ziehe ich (wohl unbewusst) meinen Kopf ein. Jedenfalls beißt sich Thomas auf die Lippen, um nicht laut loszulachen. Bei unserem Abschied von der illustren Truppe möchte das Zimmermädchen noch wissen, ob denn die Berliner Mauer noch steht (wir schreiben das Jahr 1997)... 7. Das ist die Höhe Von Barmouth aus beginnen wir die Rückreise. Nächste Station ist der touristisch überlaufene Ort Bala am gleichnamigen See. Die Fahrt dahin ist landschaftlich schön, jedoch ist die Straße ziemlich stark befahren. In Bala mieten wir uns einen Tag ein, um einen Ausflug zum Efyrnwy-See zu fahren (Tour 5 des Radtourenführers). Der See wird von vielen Ausflüglern besucht. In einer Ausflugsgaststätte mit Fahrradverleih versucht eine Dame fortgeschrittenen Alters offensichtlich das erste Mal nach mindestens 60 Jahren wieder auf einem Fahrrad zu fahren. Vor den Augen des entsetzten bis amüsierten Publikums probiert sie krampfhaft wenigstens fünf Meter geradeaus zu fahren. Erst nachdem sie den ersten Blumentopf umgefahren hat, gibt sie es auf und bewahrt sich und andere Verkehrsteilnehmer vor einem Unglück. Die Tour führt in ihrem weiteren Verlauf auch auf die höchste Straße Wales, dem 546 m hohen Bwlch y Groes-Pass. Besonders die Auffahrt zu diesem Pass ist herrlich. Es geht durch eine wunderbares Hochmoor. Die Landschaft ist karg, hat aber ihren besonderen Reiz. Immer wieder genießen wir schöne Aussichten in die Seitentäler. Der Pass selbst ist gut zu fahren (nur der erste Abschnitt ist relativ steil). Allerdings zieht er sich über etliche Kilometer. Als Belohnung lockt eine rasante Abfahrt nach Bala. Unseren nächsten Etappenort Llangollen erreichen wir über Nebenstraßen, die zwar kaum befahren, aber mit einigen kurzen steilen Steigungen gespickt sind. Besonders mit Gepäck kommt der Kreislauf auf Touren. Trotzdem lohnt es, sich nicht auf der Hauptstraße mit den Autos drängeln zu müssen. Die Landschaft ändert sich auf dieser kurzen Etappe schlagartig. Die imposanten hohen Berge und die raue Natur liegen hinter uns. Statt dessen empfängt uns (wieder) eine sanfte Mittelgebirgslandschaft. Chester ist die letzte Station unserer Reise. Der Ort strahlt durch die vielen alten Häuser im viktorianischen Stil einen ganz besonderen Charme aus. Zudem lohnt die Besichtigung der schönen Kathedrale. Die Fahrt zurück zum Flughafen Manchester ist genauso öde wie auf der Hinfahrt, jedoch gibt es zum Abschluss unserer Tour noch ein "Schmankerl": Ein Sicherheitsbeamter am Flughafen will unsere Fahrräder partout in einem Röntgengerät untersuchen. Da die Räder noch nicht einmal in ein extra großes Gerät passen, besteht er darauf, dass wir die Räder demontieren. Doch leider haben wir unser Gepäck (und damit das Werkzeug) bereits eingecheckt. Die Aktion endet nach minutenlangem Palaver damit, dass die Räder von einem offensichtlich vorgesetzten Beamten per Augenschein überprüft werden, in dem er den Verschluss unserer Trinkflaschen öffnet, mal kurz hinein guckt und die Räder damit freigibt... 8. Praktische Tipps Wie immer ein paar praktische Tipps (und wie immer ohne Gewähr)... * (Nord-) Wales ist ein tolles Radreiseland. Von flachen Küsten über sanftes Hügelland bis hin zu alpiner Hochgebirgslandschaft hat das relativ kleine Gebiet viel zu bieten. Hügel in saftigem Grün und Hochmoore bizarrer Schönheit machen das Radeln abwechslungsreich. Zudem findet man viele alte Burgen, Klöster und andere kulturell interessante Bauwerke. Eine Kombination aus Rundreise mit Gepäck und Tagestouren ohne Gepäck halte ich für nahezu ideal. * Besonders die in dem Radtourenführer beschriebenen Tagestouren sind wunderbare Strecken und unbedingt lohnend. Die Touren sind sehr gut und detailliert beschrieben. Dazu gibt es Entfernungsangaben und Höhenprofile. Das Buch heißt "Cylcle tours: North Wales and the Marches", ist von Nick Cotton geschrieben und im Ordnance Survey-Verlag erschienen (ISBN 0 600 59007 0). Uns stand die erste Auflage von 1997 zur Verfügung. * Für eine Tour durch den Norden von Wales ist der Flughafen von Manchester ein geeigneter Ausgangspunkt. Wir sind mit British Airways von Düsseldorf direkt nach Manchester geflogen. Die Fahrräder wurden zum Pauschalpreis von 50 DM pro Strecke mitgenommen (Stand 1997). Bis Chester sind es vom Flughafen aus rund 65 km. Kurz dahinter ist die walisische Grenze, an der nur Engländer ein Visum (für eine maximale Aufenthaltdauer von 24 Stunden, kein Zwangsumtausch) benötigen... * Der Verkehr ist auf den Hauptstraßen leider meist relativ stark. Die Autofahrer nehmen aber - von den üblichen Ausnahmen abgesehen - Rücksicht, so dass man auch auf Straßen mit viel Verkehr sicher radeln kann. Alle von uns gefahrenen Touren des Radtourenführer verliefen grundsätzlich auf kaum befahrenen Nebenstraßen. An den Linksverkehr gewöhnt man sich sehr schnell. * Steigungen sind in der Regel nicht sonderlich steil, aber manchmal langgezogen. Längere flache Strecken sind eher die Ausnahme und meist nur direkt an der Küste und auf Anglesey zu finden, ansonsten "hügeln" die Strecken ziemlich rum. Achtung: Die Steigung hinter Cyffylliog im Verlauf der Tour 4 des Radtourenführers halte ich bei einer Fahrt mit Gepäck für extrem steil (zudem ziemlich lang) und deshalb nur bedingt geeignet. Diese Strecke besser nicht mit vollem Gepäck fahren. * Die Übernachtung in Bed & Breakfasts ist meist problemlos. Obwohl wir zur Hauptreisezeit unterwegs waren und nichts vorab gebucht hatten, mussten wir nur einmal länger nach einem Zimmer suchen. Das Preisniveau in Wales ist eher etwas höher als bei uns, nicht nur bei den Übernachtungen. * Das Essen ist wirklich zumindest eigenwillig. Das Frühstück ist überall üppig und bringt auch einen energieverzehrenden Radler ziemlich weit. Speisekarten bieten meist die gleichen 15 Gerichte an: Fünf mit (wahnsinnigem) Rindfleisch und fünf mit frittiertem Fisch (Fisch gibt's leider nur frittiert; dass man Fisch auch kochen, dünsten, grillen und braten kann, ist in Wales schlichtweg unbekannt). Bei den restlichen fünf Mahlzeiten bekommt man Salat ohne Dressing, trockene Folienkartoffeln, Lasagne auf Chips, ungesalzenes Gemüse u.s.w. Wem das alles noch nicht genügt, der kann's ja mal mit "Brown Sauce" verseuchen - sorry - versuchen (Mischung aus Essig, Apfelsaft, Zwiebelextrakt und Gewürzen!!!). Das alles kann man mit einem lauwarmen Bier ohne Schaum runterspülen. Einziger kulinarischer Lichtblick sind meiner Meinung nach die hervorragenden Backwaren und die guten Tees. * Ebenfalls eigenwillig, aber unbedingt liebenswert und sympathisch sind die Waliserinnen und Waliser. Zudem sind sie sehr hilfsbereit und kommunikativ. Besonders wenn man in B&Bs übernachtet, findet man schnell Kontakt und erhält zudem einen Einblick in die Wohn- und Lebensverhältnisse der Einheimischen. * Die walisische Sprache ist ziemlich schwer auszusprechen und mit den üblichen Sprachkenntnissen eines Mitteleuropäers überhaupt nicht zu verstehen. Aber jeder spricht Englisch und alle Schilder sind zweisprachig, so dass man keinerlei Probleme haben wird, wenn man Englisch kann. Hilfreich ist es, wenn man wenigstens die Ortsnamen richtig aussprechen kann. Leider sind aber gerade das oft Zungenbrecher. * Wir waren Mitte Juli unterwegs und hatten abgesehen von ein paar Ausnahmen nahezu ideales Radreisewetter: Relativ viel Sonne, nur ganz wenig Regen und angenehme Temperaturen zwischen 20 und 25°C. Trotzdem empfiehlt es sich in jedem Fall einen guten Regenschutz mitzunehmen. www.BikeSite.de 1 (c) 2000 Ingo Harrach, Köln Powered by: Ingo Harrach Informationssysteme