Von den Kötern zu den Königen... Ich habe mich dieses Jahr relativ kurzfristig entschlossen, durch Jordanien und den Sinai zu radeln. Ich weiß nicht genau, wie ich darauf gekommen bin. Zwar stand Jordanien und insbesondere Petra schon längere Zeit auf meiner "Liste", aber nicht sonderlich weit oben. Tatsache ist, daß ich im Frühjahr 2000 eine wunderbare Tour im Süden Jordaniens, an der Ostküste des Sinai und in Kairo erlebt habe. In rund drei Wochen bin ich zwar "nur" rund 930 km geradelt, die hatten es aber in sich. Flachland gab's so gut wie nicht. Weitere Hinweise dazu findest Du in den "Praktischen Tips". Schau doch mal rein... * Martin Baal hat 1994 eine Radreise (u.a.) durch Jordanien gemacht und seinen Bericht veröffentlicht: home.t-online.de/home/Martin.vanBaal * Weitere persönliche Reiseberichte zu Jordanien findest Du auf "Der Reisetipp": www.DerReisetipp.de * Auf meiner WebSite www.BikeSite.de findest Du alle Fotos dieses Berichts in besserer Auflösung und weitere Fotos. 1. Auftakt in Island? Ein rötlicher Streifen erhellt den nächtlichen Himmel. Es ist kurz vor Sonnenaufgang. Aus dem Lautsprecher ertönt der Ruf des Muezzin und der kleine Gebetsraum im Flughafengebäude füllt sich. Auch die Putzkolonne verschwindet geschlossen zum Gebet. Nachdem ich mitten in der Nacht auf dem Flughafen "Queen Alya" angekommen bin, wird es endlich hell und ich kann die ersten Kilometer auf jordanischem Boden radeln. Um mir das Verkehrgetümmel und die Hektik in Amman zu ersparen, wird Madaba, 20 km südwestlich von Amman, meine erste Station. Ich möchte mich erst mal ein paar Tage einleben, bevor ich die "Königsstraße" Richtung Süden in Angriff nehme. Die rund 25 km bis Madaba fahre ich auf einer Nebenstrecke, was sich nicht als der große Hit erweist. Denn mein Erscheinen bringt so ziemlich jeden Hund zwischen dem Flughafen und Madaba auf die Palme. Trotz oder gerade wegen der Herrgottsfrühe kommen die Köter rudelweise quer über die Felder angeflitzt. Das Gebell des einen alarmiert bereits den nächsten einen halben Kilometer vor mir. Mit den ersten Hunden liefere ich mir erbitterte Wettrennen. Nur mit einem Puls von 180 bleibe ich Sieger. Später lasse ich sie gelassen auf mich zukommen, denn die meisten rennen nur kläffend am Straßenrand neben mir her. Wenn mir ein Hund zu nahe kommt, brülle ich ihn kräftig an, was den gemeinen jordanischen Straßenköter schon zurückschrecken läßt. Trotzdem nervt das permanente Gebell, zumal ein Restrisiko bleibt, doch mal auf einen Vierbeiner zu treffen, der richtig angreift. Im Verlauf der weiteren Tour auf der Königsstraße sind die Hunde übrigens kein Problem mehr. Nur zwei- oder dreimal meint ein Kläffer am Wegesrand, sein Revier gegen mich verteidigen zu müssen. So gegen 7 Uhr komme ich in Madaba an und finde eine zentral gelegene Unterkunft mit einer netten Wirtsfrau, die mich zunächst zu einem köstlichen Kaffee einlädt. Den hiesigen Kaffee lerne ich in den nächsten Tagen besonders schätzen: Zubereitet wie Mokka ist das Lieblingsgetränk der Jordanier sehr aromatisch und äußerst bekömmlich. Zunächst schlafe ich mich mal richtig aus, bevor ich mir am Nachmittag die für Madaba typischen Mosaiken ansehe. In den nächsten Tagen gewöhne ich mich an die lieben Menschen, das leckere Essen und das orientalische Treiben auf den Straßen. Madaba ist ein idealer Einstiegs- und Ausgangspunkt für eine Reise durch Jordanien. Das kleine Städtchen hat viel Charme. Mit dem Rad fahre ich zum Berg Nebo, von dem aus Moses das gelobte Land erblickte (und dort auch starb) und per Bus mache ich einen Ausflug nach Amman. Amman ist eine moderne Stadt und enttäuscht mich ein wenig. Mir fehlt eine schöne Altstadt mit den für den Orient so typischen Souks. Beeindruckend ist lediglich das römische Theater, während die Reste des Herkules-Tempels und das Archäologische Museum oben auf der Zitadelle nicht sehr eindrucksvoll sind. Vielleicht braucht man aber nur mehr Zeit, um die liebenswerten Seiten dieser Stadt zu entdecken. Leider ist das Wetter in den ersten Tagen alles andere als gut. Anstatt des erwarteten Frühlings gibt's Wolken und trübe Aussichten. Es wird sogar von Tag zu Tag kälter und regnerischer. Auf den Ausflügen per Rad in die nähere Umgebung friere ich mir nicht nur die Beine ab. Besonders der steife Wind läßt die ohnehin geringen Temperaturen noch kälter empfinden. So ungefähr stelle ich mir eine Tour auf Island vor... 2. Busfahrer als Anhalter Trotz des eisigen Windes und wolkenverhangenen Himmels mache ich mich auf dem "Kings Highway" Richtung Kerak auf. Am ersten "richtigen" Fahrttag gibt's direkt eine "Packung": Der Anstieg aus dem Wadi Wala ist noch ein relativ harmloser Auftakt. Richtig heftig wird's im Wadi Mujib. Nach atemberaubender Abfahrt in den grandiosen "Grand Canyon Jordaniens" wartet auf der anderen Seite ein Aufstieg der unangenehmen Art. Die Steigung ist an einigen Stellen so heftig, daß sogar das Schieben Schwierigkeiten bereitet. Zudem ist die Straße bergauf (auf der südlichen Seite des Wadis) in schlechtem Zustand. Wind und Serpentinen lassen mir abwechselnd den Schweiß ausbrechen und kühlen mich kurz darauf vollkommen aus. Die Fahrerei ist mühsam. Kurze Aufmunterung verschafft nur ein Reisebus, der mir entgegenkommt und dessen Insassen mir wie wildgeworden zuwinken. Nach zweieinhalb Stunden habe ich die rund 700 Höhenmeter geschafft und gönne mir erst mal eine Mahlzeit im Restaurant am Rand der Schlucht. Die restlichen 40 Kilometer bis Kerak kommen mir endlos vor. Zudem radelt man leider durch nicht allzu spannendes Kulturland. Aber auch hier ist es ein kleines Erlebnis, das mich wieder aufmuntert. Ein Gemüsehändler überholt mich mit seinem Kleinlaster, hält vor mir an, steckt mir freudestrahlend drei Orangen zu und verschwindet so schnell wie er gekommen war... Erst spät und ziemlich erschöpft erreiche ich mein Etappenziel. Nach dem es die ganze Nacht geregnet, gehagelt und gestürmt hat, gucke ich morgens etwas verzweifelt aus dem Fenster. Die Burg von Kerak liegt im Nebel und es ist bitterkalt. Auf meinem Fenstersims hat sich eine Ladung Hagelkörner angesammelt. Ich beschließe, daß ich vom miesen Wetter die Nase voll habe und vermute, durch eine Fahrt mit dem Bus Richtung Süden dem Schlamassel zu entkommen. Also geht's per Bus nach Wadi Musa, wie die Ortschaft nahe des antiken Petra heißt. Die Busfahrt hält eine Überraschung parat. Mitten in der Pampa und in voller Fahrt geht irgendein offensichtlich unabdingbares Teil des Busses flöten. Obwohl die halbe männliche Besatzung des Busses ausrückt und die Straße zurücklatscht, um das Ding zu suchen, bleibt die Aktion ohne Erfolg und der Bus am Straßenrand stehen. Nach einigem Palaver entschwindet der Busfahrer per Anhalter. Bis zu seiner Rückkehr eine knappe Stunde später bleibt die Stimmung der Zurückgebliebenen im Bus gut: Es wird palavert, gelacht oder einfach gepennt. Die Rückkehr unseres Fahrers mit einem anderen Bus sorgt für noch bessere Laune und viele Hände helfen, mein Fahrrad von dem einen auf das andere Busdach zu schaffen. 3. Von Petra zu Lawrence Die erste Nacht in Petra ist bitterkalt. Zu meiner Überraschung funktioniert sogar die Heizung in meiner ansonsten etwas heruntergekommenen Unterkunft. Die eigentliche Überraschung gibt's aber am nächsten Morgen: Blauer Himmel und Sonne. Und tatsächlich: Während ich im Tagesverlauf durch die Schluchten des antiken Petras kraxele, mir die imposanten aus dem Fels gehauenen Grabanlagen und Gebäude ansehe und die Aussicht von den Bergen bis in die Negevwüste genieße, wird es richtig warm. Nach einer knappen Woche spielt endlich auch das Wetter mit! Die weitere Fahrt Richtung Süden zum Wadi Rum geht durch kleine Dörfer und eine tolle Felslandschaft. Bei der Rast in den kleinen Dörfern wird man schnell zum Dorfgespräch. Einmal werde ich von 10 oder 15 Jugendlichen umlagert, die mich mit großen Augen ansehen. Eine Frage nach der anderen prasselt auf mich ein. Ich komme kaum zum Verschnaufen. Die Halbstarken probieren ihre Englischkenntnisse aus und die Freude ist groß, daß der Fremdling sie sogar versteht. Mein Fahrrad wird begutachtet und die Tröte am Lenker ausgiebig getestet. Auf besonderes Interesse stößt meine Landkarte. Die meisten haben offensichtlich noch nie eine Straßenkarte der eigenen Umgebung gesehen. Das Auffinden des Heimatdorfes sorgt für Begeisterung. Weniger anstrengend sind die kurzen Pausen in den kleinen Teebuden am Straßenrand. Hier kommt man mit den Einheimischen in Gespräch, ohne ein Dauerverhör ausstehen zu müssen. Die Jordanier sind ein wirklich unglaublich freundliches und liebenswertes Volk. Ihre Freundlichkeit ist ehrlich und unverblümt. Die Menschen sind sehr hilfsbereit und aufgeschlossen, aber niemals aufdringlich (sofern man nicht gerade in einem Dorf abseits von allem auf eine Horde Halbstarker trifft...). Auch hinter Petra ist eine sehr lange, aber erträgliche Steigung zu fahren. Die Straße zieht sich rund 25 km fast nur bergauf. Später führt ein besonders schöner Abschnitt einen Berggrat entlang: Zur linken blickt man weit in die östliche Wüste, zur rechten fallen die Berge steil in den Jordangraben hinab. Später muß ich den "Desert Highway" fahren. Die vierspurig autobahnähnlich ausgebaute Hauptverbindungsstraße in Nord-Süd-Richtung ist angenehmer zu fahren als ich das gedacht hätte. Der Verkehr ist erträglich, ein schmaler Seitenstreifen macht das Radeln sicher. Die Autofahrer nehmen (nicht nur hier) Rücksicht und lassen mir reichlich Platz. Außerdem bekomme ich als Radfahrer die Gelegenheit, auf der Autobahn auf der linken Spur zu fahren: Während die uralten LKW im Schneckentempo die Berge hinunterkriechen, flitze ich auf der linken Spur an ihnen vorbei. Die Landschaft ändert sich: Haben bislang ausschließlich Felsen dominiert, wird's nun sandiger. Durch Erosion abgeschliffene einzelne Felskegel ragen aus der Landschaft empor. Der rötliche Farbton des Sandes und der Felsen verleihen der Szenerie einen besonderen Reiz. Die Anfahrt ins Wadi Rum ist ein wirkliches Highlight. Felskegel erheben sich aus dem Sand. Da es schon später Nachmittag ist, läßt die tiefstehende Sonne das rötliche Gestein aufleuchten. Vorbei an Felsformationen, die T.E. Lawrence (von Arabien) treffend als "Die Prozession" beschreibt, erreiche ich die kleine Oase Rum. Für wenige Dinare kann man hier ein Zelt mieten und Wüste pur erleben. Besonders Aktive können die Felswände hinaufklettern, weniger Sportliche lassen sich von den Beduinen auf dem Kamel oder im Jeep zu den landschaftlichen Highlights führen. Ich bleibe einen Tag hier und mache einen Ausflug in die nähere Umgebung und die Dörfer im benachbarten Wadi Hiswa. Nach einer herrlichen - fast nur bergab führenden - Fahrt vom Wadi Rum nach Aqaba verbringe ich den letzten Tag in Jordanien mit Faulenzen, einem Ausflug an den Strand und dem unvermeintlichen Schreiben der Postkarten. Am nächsten Tag nehme ich die Fähre zur anderen Seite des Golf von Aqaba. Auf dem Sinai beginnt ein neuer Abschnitt der Tour... 4. Sinai by night... Da die schon ziemlich marode Fähre erst um 15 Uhr lostuckert und ziemlich gemächlich den Golf von Aquaba entlang schippert, komme ich erst im Dunklen im Hafen von Nuveiba an. Der Entschluß, die "paar Kilometer" vom Hafen ins Zentrum von Nuveiba zu radeln, erscheint mir ziemlich unsinnig, als ich mich auf der stockdunklen Landstraße in der Wüste wiederfinde. Die "paar Kilometer" ziehen sich im Dunklen ziemlich lange hin - insbesondere mit der Gewißheit, daß die an mir vorbeirasenden Autofahrer mit allem rechnen, aber nicht mit einem Radfahrer. Zudem starre ich wie gebannt auf die Straße, um kein Schlagloch zu übersehen. Jeden Augenblick rechne ich damit, von einem vollkommen ausgerasteten Straßenköter angefallen zu werden. Doch weder Schlaglöcher noch aufgeschreckte Hunde begegnen mir und ich bin froh, nach knapp 10 km unversehrt "Nuveiba-City" zu erreichen und eine nette Bleibe direkt am Strand zu finden. Der Ausflug zum Coloured Canyon am nächsten Tag fällt allerdings meiner Unkenntnis zum Opfer. Unterwegs treffe ich auf einen Kontrollpunkt. Trotz einigen Palavers wollen mich die Soldaten ohne Paß nicht durchlassen. Auch mein Personalausweis reicht der vor sich hin gähnenden Truppe nicht. Da ich am Vormittag etwas getrödelt habe, ist es nun zu spät, den in meinem Hotel hinterlegten Paß zu holen. So kehre ich um und radle noch was in der näheren Umgebung herum. Später lege ich mich an den Strand und genieße am frühen Abend das grandiose Schauspiel des Sonnenuntergangs über den roten Felsen des Sinai. Für die weiteren Touren weiß ich Bescheid: Man kann sich derzeit als Tourist im Sinai frei bewegen, muß aber an den vielen Checkpoints den Reisepaß bereithalten. 5. Ab in die Wüste... Die nächsten beiden Fahrttage geht's von Nuveiba über Dahab nach Sharm es Sheik durch die grandiose Landschaft des Sinai. Es geht an einer schroffen und bizarren Felskulisse vorbei. Die Strecke ist ein echtes Highlight für Wüstenfans. Hier und da haben Beduinen ihre Zelte aufgeschlagen und hüten ihre Ziegen oder Kamele. Es geht vorbei an Teebuden der Beduinen, die immer eine Möglichkeit für ein Schwätzchen mit den sehr liebenswerten Wüstenbewohnern bieten. Die Beduinen sind mir unglaublich sympathisch. Es sind sehr feinsinnige Menschen mit einem angenehmen Respekt Fremden gegenüber. Im Gespräch merkt man, wie stolz sie auf ihre Heimat sind. Die Straßen schlängeln sich kurvenreich durch die Täler. Meist geht es zunächst stetig und kräftig einen Paß hinauf, danach hügelt die Straße ein wenig rum, um dann langgezogen bergab zurück zum Meer zurück zu führen. Die bizarre Schönheit der Landschaft entschädigt für alle Mühen. Und nach der Ankunft am Nachmittag lockt ein erfrischendes Bad im Meer. In Sharm El Sheik, genauer gesagt in Naama, lasse ich es mir gut gehen und relaxe zwei Tage am Roten Meer. Das Kaff ist von Pauschaltouris bevölkert und ein krasser Gegensatz zu den einsamen Straßen der letzten Tage. Ich schnorchele ein wenig herum, bin aber enttäuscht und entsetzt, wie sehr die Korallenriffe im Strandbereich zerstört sind. Am dritten Tag in Naama mache ich einen Ausflug mit dem Fahrrad zum Nationalpark Ras Mohammed an der Südspitze des Sinai, der die Korallenriffe unter Schutz stellt. Nachdem ich gesehen habe, wie sehr die Riffe in Naama zerstört sind, verkneife ich mir ein Bad an den Stränden des Nationalparks und begnüge mich mit einem Blick von den Felsen aus auf die farbigen Korallen und die Fischschwärme. Der Abschied vom Sinai fällt mir schwer, aber die drei Wochen gehen dem Ende entgegen und ich möchte die letzten Tage in Kairo verbringen. Das Einchecken zur Busfahrt nach Kairo macht mir abermals klar, warum ich Reisen in arabischen Ländern liebe. Klar ist, daß die Preisliste der Busgesellschaft die Mitnahme eines Fahrrads samt Gepäck nicht vorsieht, ebenso selbstverständlich ist es aber auch, daß das Fahrrad mitkommt. Der Preis für das Rad samt Gepäck ist Verhandlungssache. Nach einigem Palaver sind der Fahrkartenverkäufer und ich uns einig. Da der Bus schon fast besetzt am Busbahnhof ankommt, ist der Gepäckraum des Busses ebenfalls voll. Die Entrüstung des Busfahrers wird mit ein paar Scheinchen, die der Fahrkartenverkäufer für mein Rad einkassiert hat, schnell besänftigt. Gemeinsam mit vielen helfenden Händen räumen wir das gesamte Gepäck aus dem Gepäckraum, verstauen mein Fahrrad und anschließend die unzähligen Gepäckstücke der Reisenden. Los geht's zur rund sechsstündigen Fahrt mit dem Expressbus nach Kairo... 6. Kairo: Die drei Regeln... Der Bus fährt bis zum Sinai-Terminal in Kairo im Nordosten der Stadt. Da ich mein Quartier bei den Pyramiden in Giseh im Südwesten der Stadt suchen möchte, steht eine Tour quer durch die Mega-Metropole mit 20 Millionen Einwohnern bevor. Auf den Straßen wimmelt es nur so von Pkws, Bussen, Lkws, Fußgängern, Eselkarren, Fahrradfahrern und anderen Verkehrsteilnehmern. Alles rennt und fährt kreuz und quer. Es gelten eigentlich nur drei Verkehrsregeln: 1. Nutze jede Lücke. 2. Rechne jederzeit mit allen Aktionen des anderen. 3. Vergiß alle anderen Verkehrsregeln. Die erste Regel hat zur Folge, daß es ziemlich eng zugeht. Man muß sich daran gewöhnen, daß Autos knapp an einem vorbei rauschen. Beim Blick in den Seitenspiegel ist es mir diesbezüglich oft mulmig geworden. Die zweite Regel bewirkt andererseits, daß man viel aufmerksamer und rücksichtsvoller als bei uns fährt. Vor allem aber macht man Platz für den anderen. Es ist kein Problem, einfach nach links auszuweichen. Als Reiseradler hat man einen zusätzlichen Bonus, weil man sogar in diesem Gewühl auffällt. Nachdem ich das Zentrum Kairos passiert habe, fahre ich auf der "Pyramid road" nach Giseh. Bevor ich ein Zimmer suche, möchte ich einen ersten kurzen Blick auf die Pyramiden werfen, auf die ich ganz gespannt bin. Nach einiger Zeit erscheinen die Pyramiden zunächst nur schemenhaft im Dunst. Irgendwie traue ich meinen Augen nicht, so irreal erscheint die Aussicht auf die riesigen Bauwerke in der Ferne. Je näher ich komme, um so unglaublicher wird der Anblick. Als ich direkt vor den Pyramiden stehe, bin ich überwältigt vom Anblick und tief beeindruckt. Die Schlichtheit der Form einerseits und die Kolossalität andererseits faszinieren mich vollkommen. Am nächsten Tag habe ich mir den Besuch des Ägyptischen Nationalmuseums vorgenommen. Der Entschluß, mit dem Taxi ins Zentrum zu fahren, erweist sich als glücklich, denn ich lerne Mohammed, einen sehr netten Taxifahrer kennen. Ich vereinbare mit ihm, daß er mich morgen den ganzen Tag "chauffiert". Aber zunächst setzt er mich am Ägyptischen Nationalmuseum ab, wo ich mich bis zum Nachmittag rumtreibe. Es ist unglaublich, wie viele Schätze hier lagern. Leider ist das Museum mit Exponaten und Besuchern überfüllt, was den Ausstellungsstücken natürlich etwas die Wirkung nimmt. Trotzdem ist der Besuch ein einmaliges Erlebnis. Neben dem Schatz des Tut Anch Amun haben es mir vor allem die Mumien angetan. Am Nachmittag schlendere ich durch die Stadt zu den Souks. Im Fleischmarkt bin ich der einzige Ausländer und werde mit großen Augen angesehen. Ich bin von dem Treiben in den engen Gassen begeistert. Am nächsten Morgen treffe ich wie vereinbart Mohammed. Er wird mich heute zu einigen Sehenswürdigkeiten fahren. Für den ganzen Tag zahle ich gerade mal 20 US-Dollar. Mohammed ist ein wirklich liebeswerter Mensch. Er ist freundlich, aufgeschlossen und hat eine Menge Humor. Außerdem - und das sollte man nicht unterschätzen - fährt er defensiv. Auch als Guide ist er klasse. Er gibt gute Tips, was man sich außer den typischen Sehenswürdigkeiten noch ansehen kann. Während der Fahrt kommen wir ins Gespräch und ich erfahre einiges über ihn, seine Familie und sein Leben in Kairo. Zunächst geht's zu den Pyramiden von Giseh, wo ich eine Menge Zeit verbringe, um die Atmosphäre und die verschiedenen Perspektiven zu genießen. Ich kann mich nicht erinnern, daß mich Bauwerke jemals so beeindruckt haben. In der Mykerinos-Pyramide krabbele ich in die Grabkammer. Die Kammer selbst ist leer und wenig beindruckend. Interessant ist aber der Weg zur Kammer. In gebückter Haltung muß man die engen Gänge hinunterkraxeln. Am Nachmittag fahren wir nach Sakara, wo die Stufenpyramide des Djoer und Grabanlagen mit sehr feinen Reliefs aufwarten. Beeindruckend ist, wie gut die teilweise farbigen Reliefs noch erhalten sind. Am Abend genieße ich die Licht- und Tonschau bei den Pyramiden von Giseh. Die Vorstellung an sich ist ziemlich kitschig, aber die Lichteffekte sind toll und machen die Veranstaltung lohnenswert. Abermals bin ich von den Pyramiden vollkommen fasziniert. Den letzten Tag in Kairo verbringe ich ohne festes Programm. Ich spaziere durch die Stadt, besorge ein paar Souvenirs und sehe mir noch mal die Souks an. Am späten Abend bringt ein Taxi mich und mein Rad zum Flughafen. Erneut muß ich mir etliche Stunden am Flughafen um die Ohren schlagen, bevor mein Flieger gegen 2 Uhr in der Nacht zum Rückflug nach Deutschland abhebt. 7. Praktische Tips Wie immer ein paar praktische Tips (und wie immer ohne Gewähr)... Jordanien: * Der King's Highway von Amman bis Aqaba ist kein einfaches Terrain für Radler. Man fährt über weite Strecken auf einem Hochplateau, das von mächtigen Wadis gefurcht ist. Stell Dich auf eine Menge Bergfahrten ein. Die Wadis verlaufen immer Richtung Jordangraben; man passiert sie also quer. Besonders das Wadi Mujib hat es in sich: In Nord-Süd-Richtung geht's 600 Höhenmeter bergab, dann 700 Höhenmeter bergauf. Der Aufstieg ist deutlich steiler als die Abfahrt und zudem mit schlechtem Straßenbelag "garniert". Auch sonst erwarten Dich einige Wadi-Querungen. Die Strecken außerhalb der Wadis sind auch nicht gerade flach. Hinter Petra zieht sich die Königsstraße auf rund 25 km fast nur bergauf (700 Höhenmeter; nur das erste Stück hinter Petra ist steil, dann geht's gut). * Ab dem Punkt, wo die Königsstraße auf den Desert Highway (die Autobahn von Amman nach Aqaba) trifft, geht's nur noch flach oder bergab bis Aqaba. Auf dem Abstecher vom Desert Highway bis nach Rum sind rund 250 Höhenmeter zu fahren, allerdings kaum merkbar, weil sich die Steigung auf 30 km verteilt. * Der Verkehr ist allgemein eher gering. Die Autofahrer nehmen meistens viel Rücksicht und halten Abstand. Auch den Desert Highway kann (und muß) man mit dem Rad fahren. Hier ist natürlich wesentlich mehr Verkehr, insbesondere viele LKWs tuckern hier rum. In der Regel ist ein Seitenstreifen auf dem Desert Highway vorhanden. Äußerst unangenehm ist allerdings das letzte Stück nach Aqaba. Dort wird der Highway zweispurig und man drängelt sich mit den LKW auf einer schmalen Straße. Bergab geht's noch, weil man bei flotter Fahrt talwärts in einer halben Stunde diesen Abschnitt hinter sich gelassen hat. Bergauf, möglicherweise sogar schiebend, halte ich diesen Abschnitt für sehr problematisch. Allerdings ist der Neubau der Strecke schon fast fertig (wenn ich das richtig gesehen habe, muß man dann aber noch mal kräftig einen Berg hinauf, sofern man die alte (jetzige) Straße nicht mehr benutzen kann). Der Straßenzustand ist - von Ausnahmen abgesehen - gut. Trotzdem muß man immer mit Schlaglöchern rechnen. Auch wirst Du mit Glassplittern am Straßenrand zu kämpfen haben, wenn Du keine pannensichere Reifen fährst. Ich empfehle Dir in jedem Fall pannensichere Bereifung. Ich selbst fahre den Schwalbe Marathon XR und bin sehr zufrieden. * Der Wind bläst meistens den Jordangraben entlang Richtung Süden. Während des schlechten Wetters in der ersten Woche meiner Tour hatte ich allerdings einen steifen Wind aus westlicher Richtung. * Die Versorgung ist kein Problem. Man trifft immer wieder auf kleine Dörfer oder Ortschaften, in denen man alles Wichtige bekommt. Das Essen ist relativ preiswert. Wasser bekommt man in Plastikflaschen. * Wenn man in Hotels oder Pensionen übernachtet, ist man auf die größeren Ortschaften angewiesen. Dort findet man aber immer zumindest eine einfache Unterkunft. Zwischen Petra und Wadi Rum bzw. Aqaba habe ich kein Hotel gesehen. In Rum kann man entweder sein eigenes Zelt aufschlagen oder für wenig Geld ein Zelt mieten. Ansonsten sind die Hotels sind nicht unbedingt preiswert. Jordanien ist in dieser Beziehung kein Billigreiseland. * Die Menschen sind sehr freundlich und hilfsbereit. Auch wenn Du auf jemand triffst, der kein Englisch spricht, wird er Dir trotzdem versuchen zu helfen. * Die in meinem Bericht beschriebenen Hundeattacken sind nach meinen Erfahrungen harmlos. Anbrüllen reicht meistens schon, um die Köter auf Distanz zu halten. Trotzdem sollte man überlegen, ob man sich nicht besser gegen Tollwut impfen läßt. Auf jeden Fall solltest Du Dich darauf gefaßt machen, hin und wieder einem aufgebrachten Vierbeiner zu begegnen. * Die Schnellfähre von Aqaba nach Nuweiba nimmt keine Fahrräder mit. Auf der (etwas abenteuerlichen und sehr langsamen) Autofähre wird das Rad kostenlos mitgenommen. Wenn Du (wie ich) erst im Dunklen in Nuweiba ankommst, solltest Du Dir die 10 km Fahrt nach Nuveiba City besser ersparen und lieber am Hafen übernachten oder Dich fahren lassen. Sinai: * Auch der Sinai ist alles andere als flach. Sobald die Straße die Küste verläßt, wird's bergig. Die Steigungen auf der Strecke von Nuveiba nach Sharm el Sheik ziehen sich ziemlich lang, dafür fährt man aber nur zwei große Aufstiege: Hinter Nuveiba sind es rund 750 Höhenmeter, hinter Dahab etwa 650 Höhenmeter. Hinter den beiden großen Steigungen hügelt die Straße ein bißchen rum (mit kleineren Gegensteigungen), um dann leicht und stetig zum Meer abzufallen. * Der Wind bläst in der Regel nach Süden. In den Bergen kann der Wind auch schon mal kurz aus anderer Richtung wehen. * Ortschaften gibt es zwischen den Küstenorten im Ostsinai nicht. Man muß Wasser und Verpflegung für die gesamte Etappe mitnehmen. Die Teebuden der Beduinen entlang der Strecke sind nicht immer "belebt" und bieten außer süßem Tee meist nur ebenso süße Softdrinks. Wasser bekommst Du dort i.d.R. nicht. In den Küstenorten bekommt man alles Lebenswichtige (und etwas mehr). * Der Ostsinai ist nur wenig befahren. Oft sind mir vielleicht gerade mal 10 bis 20 Autos pro Stunde begegnet. So kann man die grandiose Landschaft ungestört genießen. Um die Ortschaften herum ist natürlich mehr los. Rücksichtslose Autofahrer sind mir nicht begegnet. Der Zustand der Straßen ist sehr gut. Auch in Kairo wirst Du auf den Hauptstraßen nur wenige Schlaglöcher finden. * Auch in Ägypten sind die Einheimischen sehr freundlich und hilfsbereit. Zudem findest Du im Ostsinai und Kairo überall jemand, der Englisch spricht. Kairo: * Kairo ist selbst nach vielen Jahren Radwandererfahrung ein (radlerisches) Erlebnis. In der 20-Millionen-Mega-Stadt herrscht permanent ein unglaubliches Gewühl auf den Straßen. Die in meinem Bericht genannten drei Regeln (1. Nutze jede Lücke. 2. Rechne jederzeit mit allen Aktionen des anderen. 3. Vergiß alle anderen Verkehrsregeln.) hören sich vielleicht amüsant an, beschreiben die Verhältnisse aber ganz gut. Ich bin rund 50 km in Kairo geradelt und habe mich nie wirklich gefährdet gefühlt. Es geht auf den Straßen sehr eng zu, andererseits wird aber auch Platz gemacht. Etwas gewöhnungsbedürftig ist die Sitte, daß Autos oft einfach in die Hauptstraße einbiegen ohne sonderlich die Vorfahrt zu beachten. Die Autofahrer gehen davon aus, daß Platz gemacht wird. Beim Linksabbiegen über mehrere Spuren hinweg ist eine Portion Mut und Entschlossenheit gefragt, aber es funktioniert problemlos. Letztendlich nimmt man mehr Rücksicht und fährt wesentlich aufmerksamer als bei uns. Zudem sorgt Deine bloße Existenz als bepackter Radfahrer in dem Chaos für den nötigen Respekt. Allgemein: * Dein Fahrrad kannst Du in jedem Bus mit Gepäckträger oder großem Gepäckraum mitnehmen. Der Preis ist Verhandlungssache, aber in jedem Fall für deutsche Verhältnisse billig. Bei Sammeltaxis muß man manchmal etwas Überzeugungsarbeit leisten, damit der Fahrer Dein Rad zusätzlich rein- oder draufpackt. Bei normalen Taxis ist es nur eine Frage des Geldes. Verhandeln muß man in jedem Fall. * Man sollte die wichtigsten Ersatzteile mitnehmen. Mir ist kein Fahrradgeschäft aufgefallen, wo man Ersatzteile eines modernen Fahrrades hätte bekommen können. * Auch auf dieser Tour haben sich meine Erfahrungen bezüglich des Wasserverbrauchs während der Fahrt durch die Wüste bestätigt: Mit 0,7 Liter (eine große Fahrradflasche) pro Stunde kommt man knapp hin, mit 1,0 Liter pro Fahrtstunde ist man auf der sicheren Seite. Besonders auf den Etappen auf dem Sinai, auf denen man zwischen den Küstenorten kaum Wasser bekommt, sollte man nicht zu wenig mitnehmen. * Im Hochland (Jordaniens) kann es auch noch im Frühjahr ziemlich kalt werden. Ich war froh, einen leichten Schlafsack bei mir zu haben, weil die einfachen Unterkünfte (und natürlich die Zelte in der Oase Rum) oft keine Heizung haben. www.BikeSite.de 1 (c) 2000 Ingo Harrach, Köln Powered by: Ingo Harrach Informationssysteme