Frohe Pfingsten! Üblicherweise berichte ich auf der BikeSite über meine "großen" Touren. Da ich in den letzten Jahren viele kleine Touren in Deutschland mit großer Begeisterung geradelt bin, möchte ich hier einmal von einer ganz besonders schönen Kurztour berichten. Viel Spaß beim Lesen! Auch Pfingsten 2000 sind Klaus, Rainer und ich zusammen geradelt. Diesmal haben wir eine der schönsten Radwanderstrecken in Deutschland erradelt. Ausschließlich auf ausgewiesenen Radwegen ging's vom Sauerland in den Thüringer Wald. Wir sind in Brilon gestartet und den Diemelradweg fast komplett von der Quelle bis zur Mündung gefahren, dann ein kurzes Stück die Weser hinauf, um den Werraradwanderweg bis Eisenach zu genießen. Roadbook * 1. Tag (inkl. Anreise): Brilon - Germete (kurz vor Warburg): 84 km * 2. Tag: Germete - Lippoldsberg (Weser): 61 km * 3. Tag: Lippoldsberg - Eschwege: 94 km * 4. Tag (inkl. Abreise): Eschwege - Eisenach: 68 km * Gesamt: 307 km 1. Von der Diemel... Es ist Pfingstsamstag und ich stehe mit Klaus auf dem Bahnsteig 3 des Kölner Hauptbahnhofs. Ich blicke die Treppe hinunter und Rainer winkt mir von unten freudig zu, während er mit seinem Fahrrad auf den Aufzug wartet. Damit sind wir zur diesjährigen Pfingstfahrradtour in "Originalbesetzung" bereit. Die Fahrt mit der Eisenbahn bis Hagen ist angenehm, doch dann müssen wir in den völlig überfüllten Zug Richtung Kassel umsteigen. Rund eineinhalb Stunden drängen wir uns mit anderen Fahrgästen und vielen Radlern im Zug. In Brilon Wald endet das "Hühnerstallerlebnis" und wir genießen die wiedererlangte (Bein-) Freiheit unter einem strahlend blauen Himmel. Die ersten 12 Kilometer bis Usseln sind leider kein schöner Auftakt und das unangenehmste Stück der gesamten Tour. Der Anstieg von rund 180 Höhenmeter ist zwar sanft verteilt, aber wir fahren auf einer relativ stark befahrenen Bundesstraße. Der Kreislauf ist "auf Touren", als wir kurz vor Usseln "den Gipfel" des Anstiegs erreichen. In Usseln biegen endlich auf den Diemelradwanderweg ab. Bereits die ersten Kilometer auf dem Radwanderweg sind ein Highlight. Die Strecke verläuft abseits aller Straßen durch das ziemlich enge und üppig grüne Tal der Diemel. Die Diemel ist hier nicht mehr als ein Bächlein und man hat manchmal Mühe, ihren Verlauf überhaupt zu erkennen. Es geht durch herrliche kleine Dörfer mit uralten Bauerhöfen und schönen Fachwerkbauten. Wir passieren den Diemelsee mit seiner imposanten alten Staumauer. Da es vielfach leicht, aber stetig bergab geht, kommen wir gut in Fahrt und genießen die flotte Radlerei in vollen Zügen. In Padberg erwartet uns die erste und letzte "fiese" Steigung der Tour. Die Steigung ist zwar nicht lang, aber zum Ende hin ganz schön steil. Der Puls kommt zum Rasen. Schweißtropfen rinnen unter dem Helm hervor. Aber dennoch "packen" wir den Berg. Hinter Padberg hügelt es zwar auch noch etwas herum, aber alle Steigungen sind kurz und auch mit Gepäck gut zu fahren. Marsberg ist der einzige größere Ort der heutigen Etappe. Wir radeln die Hauptstraße entlang und bestaunen die unharmonische Ansammlung von alten und modernen Bauten. Irgendwie gefällt es uns hier nicht, aber wir haben Hunger und pausieren in einem Cafe. Erdbeer- und Käsekuchen sind eine Wohltat für den knurrenden Magen und bringen nach den Hügeln der letzten Kilometer neue Kräfte. Doch die brauchen wir jedoch erst einmal nicht, denn ein kräftiger Regen mit Hagel setzt ein und zwingt uns zu einem längeren Aufenthalt. Erst nach eineinhalb Stunden läßt der Regen nach und wir sind froh, nicht in Marsberg übernachten zu müssen. Die Landschaft ändert sich. Das Tal öffnet sich und wir radeln durch herrliche Felder. Es ist bereits früher Abend, die Sonne steht tief und das weiche Licht durchdringt den Dunst, der nach dem Regen aus den warmen Feldern emporsteigt. Das diffuse Licht zeigt die Landschaft in Pastelltönen und macht die Fahrt zum Genuß. Wir übernachten im Landhotel "Zur Deele" kurz vor Warburg, einem schön restaurierten Fachwerkbau. Uns knurrt schon wieder der Magen und wir genießen gemeinsam die Spezialität des Hauses: "Galgenspieß Matterhorn". Die an einem Galgen baumelnden Filetstücke werden flambiert und sind sagenhaft zart. Alles schmeckt fantastisch. Allerdings sollte man besser Bier zum Essen trinken, denn erst nach einigem Palaver serviert uns der Kellner die angeblich letzte Flasche Rotwein. Nach einem kurzen Spaziergang nehmen wir dann im Biergarten noch den ein oder anderen "Absacker" zu uns und krabbeln müde vom ersten Fahrttag in die Betten. Dort kommt Rainer am nächsten Morgen erst raus, nachdem Klaus und ich bereits gefrühstückt haben und ich dann doch mal an seine Zimmertüre klopfe. Kurz darauf erscheint Rainers noch immer verschlafenes Gesicht und sorgt für Stimmung am Frühstückstisch... Auf dem letzten Stück des Diemelradwegs wird das Tal wieder enger und man passiert schöne Abschnitte durch den Wald. Hier und da geht's noch mal ein paar Meter bergauf, ansonsten radelt man flach den Weg entlang. Der Radweg endet in Bad Karlshafen, wo auch die Diemel "endet" und in die Weser mündet. Der Kurort ist zwar ziemlich überlaufen, aber trotzdem strahlt die ehemalige Hugenottensiedlung eine Menge Charme aus. 2. ... zur Weser ... Nach dem Mittagessen in Bad Karlshafen radeln wir weseraufwärts Richtung Hannoversch Münden. Der offizielle Radwanderweg krabbelt rechts der Weser die Hügel hoch. Die wollen wir uns ersparen und fahren die ersten paar Kilometer hinter Bad Karlshafen auf dem Radweg neben der Hauptstraße. In Wahmbeck wechseln wir auf einer alten Fähre die Seite und fahren wieder den "richtigen" Weserradwanderweg. Im folgenden Verlauf des Radwanderwegs ist nicht nur die Landschaft wunderschön, sondern wir passieren auch schmucke kleine Ortschaften. Über ganze Straßenzüge hinweg reihen sich die Fachwerkbauten aneinander und manchmal ist kein einziges modernes Haus zu sehen. Die Stimmung ist weiterhin klasse. Alle sind gut gelaunt und wir blödeln herum. Meine Mahnungen, bei der Hitze reichlich zu trinken, kommentieren Klaus und Rainer mit einer Urinprobe, die heute abend von allen Beteiligten genommen wird. Wer zu wenig getrunken hat, wird mit der Steigung nach Padberg "bestraft"... Eigentlich wollten wir heute bis Hannoversch Münden, doch in Lippoldsberg grollt es aus dem Himmel und bald setzt heftiger Regen ein. Wir beschließen in dem kleinen Ort zu bleiben. Direkt an der Weserfähre liegt das Gasthaus "Zum Anker", in dem wir zum Glück noch Zimmer finden. Nach dem Essen hat der Regen aufgehört und ein Spaziergang durch den Ort führt uns zur Klosterkirche auf dem Hügel über den Dorf. Die Kirche ist zwar schon geschlossen, aber eine redselige alte Dame gabelt uns auf und erzählt uns einiges über die Klosteranlage. Sie selbst bewohnt einen Teil des alten Gemäuers und lädt uns zu einem Spaziergang durch ihren riesigen Garten ein, von dem aus man eine herrliche Aussicht auf das Wesertal und den gegenüberliegenden Reinhardswald hat. Den nächsten Tag beginnen wir mit einer Besichtigung der Klosterkirche, bevor wir uns auf den Weg nach Hannoversch Münden machen. Dort angekommen, ist es auch schon Zeit für's Mittagessen mit einer abschließenden Portion Eis. Außer dem hervorragenden Eis beeindrucken uns nicht nur die rund 700 zum Teil prachtvollen Fachwerkhäuser im Ort, sondern auch die modernen Brunnenanlagen, die im Rahmen der Weltausstellung 2000 angelegt wurden. 3. ... und die Werra hinauf "Wo Fulda und Werra sich küssen, sie ihren Namen büßen müssen": Vom Kuß der beiden Flüsse aus in Hannoversch Münden radeln wir weiter die Werra hinauf. Die Werra ist viel uriger als die Weser. Es gibt weniger Ortschaften und mehr Natur. Die Hügel links und rechts des Weges sind meist bewaldet. Wieder radeln wir durch eine herrliche Landschaft in vollem Grün. Hier und da passieren wir nette Ortschaften. Besonders Bad Soden-Allendorf fasziniert uns durch seine unglaublich schönen Fachwerkbauten. Nur schwer können wir uns zur Weiterfahrt aufraffen. Kurz vor Eschwege hält Rainer an, um ein "Päuschen" zu machen. Eine Dame, die gerade in dem Moment an uns vorbeiradelt versteht wohl etwas von "Mäuschen" und sagt im vorbeifahren zu ihrer Begleitung: "Huch, das hat aber lange niemand mehr zu mir gesagt!" Wir kriegen uns vor Lachen kaum ein... In Eschwege übernachten wir im sehr netten Hotel "Zur Krone" direkt in der Fußgängerzone. Nicht nur die Zimmer sind schön eingerichtet, auch das Essen ist sehr gut. Zudem gibt es endlich mal regionale Spezialitäten auf der Speisekarte. Der letzte Fahrttag führt uns auf herrlichen Wegen die Werra entlang. Auch heute begleitet uns herrlicher Sonnenschein beim Radfahren. Die Strecke an der Werra ist vollkommen flach und einfach zu radeln. Der Weserradweg ist spitze: Die Beschilderung ist gut, es gibt Regenschutzhütten, Informationstafeln am Wegesrand und vieles mehr, was das Radeln angenehmer macht. Erst die letzten Kilometer Richtung Eisenach verlassen wir den Weserradweg und radeln dem Ende unserer Radtour entgegen. Da wir uns zeitlich ein wenig verschätzt haben, müssen wir auf den letzten Kilometern etwas "Gas geben", was den kleinen Hügel kurz vor Eisenach ziemlich anstrengend macht. Abermals kommen wir richtig ins Schwitzen. Trotzdem erreichen wir Eisenach rechtzeitig und haben auch noch Zeit für eine Rast auf dem Marktplatz. Da Eisenach eine ganze Menge zu bieten hat, unser Zug aber nicht auf uns wartet, scheint der Ausgangspunkt für unsere Pfingsttour im kommenden Jahr schon klar zu sein... 4. Praktische Tips Hier ein paar praktische Tips: * Die beschriebene Route ist wirklich ein Highlight. Landschaftlich und kulturell bietet die Strecke sehr viel. Neben reichlich Natur durchradelt man nette Ortschaften. Zudem ist die Landschaft besonders an der Diemel abwechslungsreich: Mal geht's durch ein enges Tal, dann öffnet sich die Landschaft. Mal führt die Strecke durch den Wald, dann über weite Felder. An der Werra findet man noch viel urige Naturlandschaften mit Wäldern und Naturschutzgebieten. * Abgesehen vom Auftakt der Tour von Brilon Wald bis Usseln radelt man praktisch nicht auf stark befahrenen Strecken. Meist geht es auf Wald- und Wirtschaftswegen abseits des Autoverkehrs. Fährt man auf Straßen, sind diese kaum befahren. Sogar Täler ohne Straße kann man hier auf dem Rad erleben! * Von Brilon Wald bis kurz vor Usseln geht's rund 180 Höhenmeter (relativ sanft) bergauf. Der Anstieg verteilt sich auf 12 Kilometer (alternativ dazu kann man auch mit dem Zug von Brilon Wald bis Willingen fahren und dort die Tour beginnen; von Willingen aus sind's dann noch rund 6 km bis Usseln). Auch im weiteren Verlauf gibt es an der Diemel entlang die ein oder andere Steigung zu fahren. Doch sind alle Steigungen auch mit Gepäck gut zu bewältigen. Nur vor Padberg wird's einmal kurz sehr steil. Die befahrenen Strecken die Weser und Werra entlang sind praktisch flach. * Unterkünfte und Gasthäuser findet man in fast jedem (etwas größeren) Kaff. An der Weser sollte man am Wochenende nicht zu spät mit der Zimmersuche beginnen, da der Weserradweg sehr beliebt ist. Diemel und Werra sind weniger befahren. Karten: * Von allen drei Flüssen (Diemel, Weser, Werra) gibt es Radwanderkarten. Insbesondere die "Spiralos" aus dem BVA-Verlag finde ich sehr gut. Unterkünfte: * Landhotel "Deele" in Germete bei Warburg (Einzelzimmer DM 95,00): Herrlich restaurierter Fachwerkbau in absolut ruhiger Umgebung. Nettes kleines Dorf. Schicke moderne Zimmer, leider nicht ganz billig. Gutes Essen, gutes Frühstück, allerdings kein Buffet. * Gasthaus "Zum Anker" in Lippoldsberg (Einzelzimmer 55,00 DM): Direkt an der Weserfähre gelegen. Nachts absolut ruhig. Lockere Atmosphäre. Skurrile, aber stimmige Einrichtung (Wildschweinfelle an der Wand!). Zimmer nicht ganz so schick, aber okay. Fairer Preis. Einfaches Frühstücksbuffet. * Hotel "Zur Krone" in Eschwege (Einzelzimmer 75,00 DM): Ruhige Lage in der Fußgängerzone. Schön eingerichtete Zimmer. Gutes Essen (regionale Spezialitäten). Freundliche Bedienung. Reichhaltiges Frühstücksbuffet. (Preise Stand Sommer 2000) www.BikeSite.de 1 (c) 2000 Ingo Harrach, Köln Powered by: Ingo Harrach Informationssysteme