Das Grün der Götter Nach unserer Begeisterung für Singapur und Malaysia war ziemlich klar, ein Jahr später wieder in Südostasien zu radeln. Diesmal sollte es Bali sein. Leider konnte Alexandra diesmal nicht mitradeln, so daß Annemarie und ich alleine auf die Insel der Götter flogen. Im Oktober 1997 ging's los. Allerdings mit ein paar anfänglichen Problemen, denn es ist das passiert, was ich schon lange irgendwann erwartet hatte: Man steht am Gepäckband und wartet vergeblich auf sein Fahrrad. So ist es uns auf Bali passiert. Allerdings war es nicht so schlimm, denn wir hatten ohnehin einige Tage zur Akklimatisation eingeplant und konnten die ersten Ausflüge mit halbwegs guten Mietfahrrädern radeln. Erst nach über einer Woche haben die Räder doch noch den Irrweg von Düsseldorf über Namibia (!!!) nach Bali gefunden. Mit Leihrädern und später den eigenen sind wir in drei Wochen rund 750 km geradelt. Die ersten Tage: Wir leben uns ein... Wir machen den ersten Spaziergang in Ubud, einem Ort im Inselinnern, in den wir so schnell wie möglich nach unserer Ankunft auf Bali "geflüchtet" sind, um auf unsere Räder zur warten. Wir sind von den ersten Eindrücken fasziniert, aber auch vollkommen erschlagen. Wir schaffen es anfangs nicht einmal, zwischen Tempeln und Wohnhäusern zu unterscheiden. Es "wimmelt" nur so von Tempelchen und Türmchen, religiösen Figuren und Ornamenten, exotischen Blumen, kleinen Geschäften und Garküchen. Um uns nicht in dieser Reizüberflutung komplett zu verlieren, machen wir erste Spaziergänge in den umliegenden Reisfelder. Wir sind vollkommen begeistert. Die Reisfelder werden zu dem Highlight der gesamten Reise. Die Landschaft strahlt eine unglaubliche Harmonie aus. Das Grün der Reisfelder ist unbeschreiblich intensiv. Je nach Stand der Reispflanzen zeigen sich die unterschiedlichsten Grüntöne. Die Felder fügen sich den natürlichen Formen der Landschaft und schwingen in sanften Biegungen die Hügel hinauf. Dazwischen lockern kleine Hütten und Altäre, Palmen und Blumen die Szenerie auf. Hier und da sind ein paar Enten unterwegs, um in den Feldern Schädlinge zu futtern. Über allem liegt eine wunderbare Ruhe. Die Atmosphäre laßt uns zu Ruhe und Entspannung kommen. Wir wohnen in einer kleinen Pension direkt in den Reisfeldern. Ketut, unser lieber Gastgeber, lebt hier mit seiner Frau und seinem kleinem Sohn. Es bewirtet in seinem Haus nur wenige Gäste. Bereits morgens beim Frühstück auf dem Balkon genießen wir die grandiose Aussicht und unvergleichliche Atmosphäre. Oft fällt uns der Aufbruch vom Frühstück schwer. Ich schreibe in mein Tagebuch: "Ein paar Sätze, aber eigentlich viel mehr, verdient der alte Mann, der in den Reisfeldern gleich neben unserer Unterkunft sitzt und als lebende Vogelscheuche arbeitet. Morgens um 6 Uhr beginnt er seine Arbeit, in dem er durch lautes Rufen, Händeklatschen und sonstige Geräusche die kleinen Vögel zu vertreiben versucht. Eine ziemlich aussichtslose Arbeit, denn die winzigen Tierchen lassen sich zwar vertreiben, aber nicht von der Insel, sondern nur ins nächste Reisfeld. Spätestens, wenn die dort vertrieben werden, kommen sie zurück. Um so mehr ist die Arbeit des alten Mannes zu bewundern. Unermüdlich streifen seine Augen über die Felder. Er sitzt dabei gerne auf einem Bambussessel und hält einen Stock mit einem angebundenen Tuch in der Hand, der ihn bei seiner Arbeit unterstützt. Wenn er uns auf dem Balkon sieht, spricht er uns meistens an, was wir aber leider nicht verstehen können. So müssen wir uns nur auf die Mimik beschränken." Ich habe einige Male den alten Mann beobachtet. Am meisten beeindruckt hat mich die Zufriedenheit und Freundlichkeit, die der Mann trotz seiner stupiden Arbeit und seines sicherlich einfachen Lebens ausgestrahlt hat. Während wir in den nächsten Tagen noch auf unsere Räder warten, leben wir uns langsam ein. Inzwischen wissen wir zwischen normalen Häusern und Tempeln zu unterscheiden. Wir genießen die ersten Imbisse an den Warungs, den fahrbaren Garküchen, die äußerst schmackhafte (und zudem preiswerte) kleine Mahlzeiten feilbieten. Einen Abend besuchen wird eine Tanzvorführung. Junge Mädchen tanzen den Legong. Einerseits weiß ich zwar, daß man den Mädchen - trotz der hohen sozialen Stellung der Tänzerinnen - durch das harte Training einen guten Teil ihrer Kindheit raubt, andererseits bin ich von der Anmut und Mimik, dem Spiel mit den Augen und den harmonischen Bewegungen bis in die Fingerspitzen vollkommen fasziniert. Wenn man zudem bedenkt, daß in dem Tanz nichts improvisiert, sondern jede kleine Bewegung festgelegt ist, muß man der Leistung der Tänzerinnen Hochachtung zollen. Überwältigt von den Eindrücken der ersten Tage, schreibe ich in mein Tagebuch: "Seit vorgestern ist in Ubud Tempelfest. Der Dorftempel feiert praktisch Geburtstag. Es ist einfach faszinierend. Wir haben lange Zeit das Treiben vor dem Tempel beobachtet. Und wenn uns auch der Zutritt zum Innern des Tempels verwehrt bleibt, so haben wir doch sehr viel erlebt. Unmengen von Opfergaben werden in den Tempel gebracht. Junge Frauen balancieren Tabletts mit hoch aufgetürmten Opfergaben auf ihren Köpfen: Obst, kleine Kuchen und manchmal sogar gegrillte Enten mit allem drum und dran. Es ist unglaublich, wie sicher und anmutig die Frauen diese schweren Türme den Weg von Zuhause in den Tempel tragen. Alles ist total rausgeputzt. Der Tempel ist festlich geschmückt, die Männer und Frauen haben ihre besten Sarongs und andere edle Kleidungsstücke angezogen, die Frauen das Haar wunderbar mit Schmuck und Blumen geschmückt. Es ist phantastisch: Eine Überflutung der Sinne, die man kaum fassen kann. Ein Banyan-Baum überragt prächtig den Vorplatz des Tempels, kleine Kinder sind in feine Kleider gehüllt und nehmen die Feier ziemlich locker. Wir sehen viele freundliche Gesichter, deren Ruhe und Entspanntheit trotz der Ernsthaftigkeit der Zeremonie beeindruckt. Zu den farbenprächtigen visuellen Eindrücken kommen für Europäer exotische Gamelanklänge und der Geruch von Räucherstäbchen hüllt das ganze Areal ein. Es ist sicher eines der beeindruckendsten Erlebnisse meiner gesamten Reisen." Sowieso bestimmt die Religion das Leben der Menschen Balis. Mehrmals täglich werden Opfer gebracht. Dabei wird nicht nur den Göttern, sondern auch den Dämonen geopfert. Balinesen glauben, daß ihr persönliches Wohlergehen von einem Gleichgewicht zwischen Gut und Böse abhängt. Nicht einmal im tänzerischen Spiel siegt das Gute über das Böse. Interessant finde ich die Auffassung der Balinesen, daß das Meer das Reich des Bösen ist, die Berge hingegen die Wohnstätten der Götter sind. Kaum ein Balinese geht im Meer baden, bestenfalls werden die Füße ins Meer gehalten. Die Fischer sind oft Moslems und sogar die Fischerorte liegen mit einigem Abstand zum Wasser. Für ein Inselvolk ist diese Einstellung zum Meer wirklich sehr bemerkenswert. Die ersten Touren: Wir radeln uns ein... Die ersten Touren müssen wir notgedrungen mit Leihrädern fahren. Schon während unserer Spaziergänge durch Ubud haben wir nach geeigneten Rädern Ausschau gehalten. Ein paar Häuser neben unserer Unterkunft sind wir fündig geworden und haben halbwegs brauchbare Räder gefunden. Nach etwas Handeln ist sogar der Preis okay. Wir machen zunächst einige Tagestouren ohne Gepäck in die Umgebung von Ubud. Die zentrale Lage unseres "Basislagers" ist nahezu ideal, einige Sehenswürdigkeiten im Rahmen von Ausflügen per Rad zu erkunden. So besuchen wir in den ersten Tagen die "Elephantenhöhle" Goa Gajah, radeln zu den Tempelanlagen von Kawi und Tirta Empul und erleben die "Mutter aller Tempel" in Besakih, der zentralen Tempelanlage der Balinesen am Fuß des Gunung Agung, des höchsten Berges und Vulkans der Insel. Vor allem aber radeln wir auf den ersten Touren durch Reisfelder, die uns immer wieder in ihren Bann ziehen. Ich kenne keine ästhetischere Kulturlandschaft - und kann mir kaum eine schönere vorstellen. Eine ist eine visuell perfekte Harmonie von Landwirtschaft und Natur. Für uns sind die Fahrten durch die kleinen Dörfer ein besonderes Erlebnis. So wird ein Ausflug durch Dörfer nördlich von Ubud auf einsamen Nebenstraßen zu einem echten Highlight der Tour. Die Dörfer sind in der Regel eine Ansammlung von Häusern, Tempeln, kleinen Geschäften und Werkstätten entlang der Straße. Wir werden mit einem freundlichen Lächeln empfangen und viele Kinderhände winken uns zu. Es ist interessant und macht Spaß, das Dorfleben zu beobachten: Die ganze Dorfgemeinschaft kommt zusammen, um das nächste Fest vorzubereiten, Männer sitzen unter dem obligatorischen Banyan-Baum in der Dorfmitte und massieren ihre Kampfhähne, Frauen tragen Opfergaben in den Tempel. Man badet vollkommen ungeniert in den Bewässerungskanälen am Straßenrand und kann den Bauern bei der Reisernte zusehen. Alte Frauen mit blankem Oberkörper zeigen beim Lachen ihre vom Kauen der Betelnuß pechschwarzen Zähne. Nur wenige Kilometer abseits der üblichen Touristenorte fühlen wir uns in die Vergangenheit zurückversetzt. Das Radeln im Landesinnern ist relativ angenehm. Oft fährt man Täler entlang, die zur Inselmitte hin leicht aber stetig ansteigen. "Aufgelockert" werden diese Strecken durch Querungen von Seitentäler, die einen kurzen, aber heftigen Anstieg erfordern. Lediglich die Auffahrt nach Besakih hat es ziemlich in sich. Die Stichstraße zum Tempel zieht sich etliche Kilometer bergauf mit "fiesen" Teilstücken, wo man richtig in die Pedale treten muß. Die nächsten Tage: Inselrundfahrt Die nächsten Tage der Reise verbringen wir auf unseren eigenen Fahrrädern und radeln eine Rundfahrt im östlichen Teil der Insel. Der Verkehr ist hinter Ubud anfangs sehr stark, läßt jedoch bald nach. Die Landschaft ändert sich. Die Reisfelder machen im Norden der Insel einer kargeren Vegetation Platz. Die Dörfer wirken ärmlicher als im Süden der Insel und wir bilden uns ein, daß die Leute etwas zurückhaltender (aber dennoch sehr freundlich) sind. Unsere Route führt uns über Goa Lawaw mit der Fledermausgrotte zunächst in den Badeort Candi Dasa, weiter über Amed und Kubutambahan an der Nordküste Bali nach Kedisan im Landesinnern, direkt am Batursee gelegen. Am Batursee mieten wir uns ein. Einen Tag radeln wir um den Batur, einem noch aktiven Vulkan, am zweiten Tag kraxeln wir diesen hinauf. Letztere Aktion werde ich als Flachländler mein Leben nicht vergessen. Bereits in der Frühe um halb fünf brechen wir auf, die rund 700 Höhenmeter zu überwinden. Man latscht durch freies Gelände ohne erkennbare Wege, stampft über scharfkantiges Lavagestein, durch Sand und Geröll. Als es auf den letzten Metern zudem ziemlich steil wird, krabble ich teilweise auf allen Vieren. Annemarie als Kind der Berge trabt voran, ich mit Mühe hinterher. Oben angekommen gibt's eine Wanderung entlang der Kraterkante. Während Annemarie sicheren Schrittes den teilweise gerade mal einen Fuß breiten Pfad entlang flitzt, frage ich mich, ob meine Lebensversicherung dies nicht als "grob fahrlässig" einstufen würde. Wie dem auch sei: Die Aussicht vom Berg auf den See und das Umland lohnen alle Mühe. Zudem kann man Vulkanismus live erleben: Hier und da tritt Dampf aus Spalten des Vulkans, es riecht schwefelig und an einigen Stellen ist es wenige Zentimeter im Boden so heiß, daß man ein Ei garen könnte. Nach den beiden Tagen in Kedisan fahren wir weiter zum Bratan-See, wo wir den Ulun Danau-Seetempel besuchen und einige Ausflüge in die nähere Umgebung unternehmen. Unsere kleine Inselrundfahrt endet mit einem schönen Fahrttag durch Reisfelder und kleine Dörfer zurück nach Ubud. Die letzten Tage: Wir lassen es uns gut gehen... Die letzten Tage unserer Reise verbringen wir in Ubud mit Shopping, Faulenzen, Essen und schönen Spaziergängen, bevor wir nach Legian im Süden aufbrechen, um uns noch ein paar Tage an den Strand zu legen. Auf dem Weg nach Legian müssen wir das zweite mal durch Denpasar. Nachdem wir uns schon beim ersten Durchqueren der Stadt (als wir unsere Räder vom Flughafen abgeholt haben) vollkommen verfranst haben, verfahren wir uns erneut und müssen 20 km Umweg in Kauf nehmen. Praktische Tips Das Radeln im südlichen Landesinnern ist relativ angenehm. Die Straßen ziehen sich oft leicht ansteigend, aber stetig, die Täler hinauf. Passiert man ein Tal quer, muß man sich auf kurze, aber "saftige" Steigungen einstellen. Die Anstiege von Norden her ins Landesinnere (zum Batur- und Bratan-See) sind schwieriger, weil ziemlich lang und nicht ganz so sanft ansteigend wie im Süden. Man kann sich aber notfalls von einem Sammeltaxi den Berg raufkarren lassen. Bezüglich des Wetters hilft am besten eine langsame Akklimatisation an die tropische Hitze. Ich persönlich meide Klimaanlagen, weil der häufige Wechsel zwischen kalt und heiß viel mehr belastet als eine konstante Hitze, an die man sich gewöhnt. Bali ist dicht besiedelt. Praktisch in allen - auch in den ganz kleinen - Dörfern gibt es etwas zum Essen und Trinken. Manchmal findet man auch unterwegs ganz unvermittelt eine Garküche am Straßenrand. Die Mahlzeiten sind relativ klein, so daß man insbesondere in den Warungs ggf. mehrere Portionen essen muß, um als Radler satt zu werden (was die Köche völlig verdutzt). Daß man nur Erhitztes, Geschältes oder Verpacktes essen sollte, versteht sich in einem tropischen Land von selbst. Auch mit Unterkünften hatten wir auf der zurückgelegten Route keine Probleme. Das Preisniveau ist niedrig. Außerhalb der Hauptsaison kann man handeln, bei Souvenirs muß man handeln. Den Autoverkehr habe ich nicht schlimmer empfunden, als in den Mittelmeerländern auch. Natürlich geht es enger zu als bei uns (zumal die Straßen auch oft relativ schmal sind), aber trotzdem nehmen die Autofahrer Rücksicht und fahren einen nicht über den Haufen, die man es in manchen Berichten über den Straßenverkehr in Indonesien lesen kann. Trotzdem ist bei den ansonsten so sanftmütigen und ruhigen Balinesen eine deutliche Temperamentssteigerung zu erkennen, wenn sie im Auto sitzen. An den Linksverkehr hat man sich schnell gewöhnt. Störend sind auf stark befahrenen Straßen die Abgase der LKW. Zudem wird am Nachmittag manchmal der Hausmüll verbrannt, was die Dörfer in Rauchschwaden einhüllt und beim Radeln ganz schön stört. Hauptstraßen sind meist nur in der Nähe größerer Ort stark befahren. Hingegen radelt man auf Nebenstraßen oft vollkommen unbelästigt von Autos. Denpasar ist selbst für einen erfahrenen Radler ein Erlebnis. Das Rechtsabbiegen (im Linksverkehr, also auf der gegenüberliegenden Seite) auf einer sechsspurigen Straße in der Hauptverkehrszeit hat schon was. Hier gilt die Devise: Rein ins Getümmel, die anderen passen schon auf und nehmen Rücksicht (das funktioniert wirklich, allerdings ohne Gewähr...). Abgesehen vom Verkehrsgetümmel kann man diese Stadt nicht durchqueren, ohne sich zu verfahren. Selbst die Hauptstraßen sind nicht ausgeschildert und die Karten stimmen sowieso nicht (mehr). Und auch nach dem Weg zu fragen, ist nicht problemlos. Zwar sind Balinesen sehr hilfsbereit, aber sie würden lieber zu allem "ja" sagen, als sich die Blöße zu geben, den Weg auch nicht zu kennen. Gute Erfahrung haben wir mit Polizisten gemacht, die nicht nur sehr hilfsbereit sind, sondern auch den Weg in der Regel kennen. Also, der Tip: Haltet Euch mit dem Rad von Denpasar fern, fahrt wirklich sehr weiträumig drum rum oder plant reichlich Zeit für die Durchquerung ein (besonders wenn Ihr auf dem Weg zum Abflug seid...). Viel Spaß beim Radeln auf Bali! www.BikeSite.de (c) 2000 Ingo Harrach, Köln